Comic Review – „Exit Wounds“ by Rutu Modan

© Rutu Modan

The year 2021 is slowly coming to a close and with it a time of fascinating comics. Among my favorite (re-)discoveries is without a doubt the work of Israeli cartoonist Rutu Modan. This award-winning artist has been on my radar for a while now, but it took the emphatic recommendation by several friends for me to start reading. I began with Tunnels, Modan’s latest graphic novel which skillfully combines elements of an adventure story à la Tintin with a satire of Israeli settler politics. The colorful cast of characters that revolves around the protagonist and archaeologist Nili is vibrant and the plot is full of surprising twists.

© Rutu Modan

As much as Tunnels appealed to me, I must admit I was more touched by Modan’s English-language debut Exit Wounds which was originally published in 2007. Exit Wounds is perhaps a bit ‘quieter’ than Tunnels – but no less moving. The plot centers on Kobi Franko, a taxi driver in Tel-Aviv who one day is contacted by a young Israeli soldier who is convinced that Kobi’s father died during a recent suicide bombing at a suburban bus terminal. Indeed, Kobi has not heard from his father in a while – the two have lost contact after an intense argument. But how probable is it that the yet unidentified body from the site of the bombing is that of his father? And what was his relation to the young female soldier? Rutu Modan uses these questions as starting points for a moving family drama which brushes different social strata of country in which violence and terror form the background noise of daily life.

© Rutu Modan

Like in Tunnels, Rutu Modan showcases her skills as a prolific cartoonist with a firm grasp for tempo and dynamic of the narrative. The drawings, which are reduced in a way that is reminiscent of the ligne claire style of famous Belgian artist Hergé, convey gestures and facial expressions in a way that give them a high degree of personality. Additionally, the comic makes an atmospheric use of colors and a multiplicity of subtly poetic image compositions. Exit Wounds is a moving tragicomedy about the loss of loved ones, about coping with physical and emotional wounds. All readers who wonder whether the book will offer a sliver of hope that the wounded can be healed will be left breathless until the very end – but not without some glimmers of light.

Exit Wounds
Rutu Modan (IL)
2007
Drawn & Quarterly

Comic-Kritik: „Blutspuren“ von Rutu Modan

© Rutu Modan

Das Jahr 2021 neigt sich langsam dem Ende entgegen und damit auch eine Zeit voller spannender Comics. Zu meinen Highlights unter den vielen anregenden Neuentdeckungen zählen ohne Zweifel die Bücher der israelischen Comiczeichnerin Rutu Modan. Die vielfach ausgezeichnete Künstlerin war schon länger auf meinem Radar, doch brauchte es die nachdrückliche Empfehlung mehrerer Bekannter, bis ich mich ans Lesen machte. Los ging es ihrem neusten Werk Tunnel, einer Graphic Novel, die gekonnt Elemente einer Abenteuergeschichte im Stil von Tintin mit humorvollen Seitenhieben auf das politische Zeitgeschehen Israels verbindet. Das Figurenensemble rund um die Hauptfigur und Archäologin Nili ist ungemein lebhaft und die Handlung voller überraschender Wendungen.

© Rutu Modan

So sehr mir Tunnel auch zugesagt hat, noch mehr berührt hat mich das Vorgängerwerk von Modan namens Blutspuren, das kürzlich auf Deutsch als Softcover erschienen ist. Blutspuren kommt etwas ‚leiser‘ daher als Tunnel, doch ist es nicht minder bewegend. Im Zentrum des Comics steht Kobi Franko, ein Taxifahrer in Tel-Aviv, der eines Tages von einer jungen Soldatin kontaktiert wird. Diese ist überzeugt, sein Vater sei bei dem kürzlichen Bombenanschlag auf den Busbahnhof einer israelischen Kleinstadt ums Leben gekommen. In der Tat hat Kobi schon länger nichts mehr von seinem Vater gehört – die beiden hatten nach einem Streit den Kontakt zueinander verloren. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass es sich bei der noch unidentifizierten Leiche vom Ort des Anschlags um die seines Vaters handelt? Und in welcher Beziehung steht die junge Frau zu ihm? Rutu Modan entspinnt auf Grundlage dieser Fragen ein feinfühliges Beziehungs- und Familiendrama, das wie nebenbei verschiedene soziale Schichten eines Landes streift, in denen Gewalt durch Krieg und Terror wie konstante Hintergrundgeräusche zu vernehmen sind.

© Rutu Modan

Wie in Tunnel, so erweist sich Rutu Modan auch in Blutspuren als meisterhafte Cartoonistin mit feinem Gespür für Tempo und Dynamik der Handlung. Die im schönsten Sinne reduzierten Zeichnungen, die an den Ligne Claire Stil des berühmten belgischen Zeichners Hergé erinnern, transportieren auf eindrucksvolle Weise Gestik und Mimik der Figuren, was ihnen ein hohes Maß an Persönlichkeit verleiht. Hinzu kommt der atmosphärische Einsatz von Farben sowie einer Vielzahl subtil-poetischer Bildkompositionen. Blutspuren ist eine bewegende Tragikomödie über den Verlust geliebter Menschen, über den Umgang mit inneren und äußeren Verletzungen – eine Vieldeutigkeit, der der englische Titel Exit Wounds vielleicht mehr Raum gibt als der deutsche. Wer wissen will, wie es für Verwundete aller Art um die Möglichkeit der Heilung steht, wird von Blutspuren bis zuletzt in Atem gehalten – aber nicht ohne Hoffnungsschimmer.

Blutspuren
Rutu Modan (IL)
2021

Carlsen