Comic Kritik – Unfollow (Lukas Jüliger)

Bei manchen Comics fällt es mir schwer eine Rezension zu schreiben, ohne dass sich bestimmte Erinnerungen in meinem Kopf zu Wort melden. So auch im Fall von Unfollow, der neuen Graphic Novel des deutschen Comiczeichners Lukas Jüliger. Der Sommer 2019, der sich eigentlich schon unendlich weit weg anfühlte, war beim Lesen auf einmal wieder ganz nah. Damals ging die Nachricht von riesigen Waldbränden im Amazonas um die Welt und löste eine globale Protestwelle aus. Ich erinnere mich noch an das Gefühl, in meiner Heimatstadt in der demonstrierenden Menschenmenge zu stehen. Einerseits war ich wütend auf die Ereignisse auf der anderen Seite des Ozeans, andererseits beeindruckt davon, welche Macht Bilder und Nachrichten haben, um in relativ kurzer Zeit einen solchen Protest zu mobilisieren.

Um Ökologie und Medien, darum geht es, grob gesagt, auch in der Graphic Novel Unfollow. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist ein mysteriöser Junge namens Earthboi, der eines Tages wie auf dem Nichts auftaucht und über Nacht zum Internet-Star wird. Aus seinem Versteck in einem Nationalpark postet er täglich Content über das Überleben in der Natur, den Anbau von essbaren Pflanzen, Survivaltipps und Ökologie.

Nach und nach wird Earthboi zu dem Symbol des Protests gegen die Umweltzerstörung durch den Menschen, gegen die globale Erderwärmung und das Artensterben. Darin ähnelt er der realen Person Greta Thunberg, deren Proteste 2018 die Fridays For Future Bewegung ins Rollen brachte. Doch während die reale Greta als Kind aufgrund ihrer Wahrnehmung der Welt unter schweren Depressionen litt, erscheint Earthboi nahezu makellos und übermenschlich. Der Junge weiß alles über die Geschichte des Planeten Erde, züchtet im Handumdrehen hitzeresistente Korallenriffe und hat bei alldem auch noch ein feines Gespür für sein Publikum und das Potenzial sozialer Medien. Kurzum: Earthboi erscheint wie eine prophetische Gestalt, eine menschengewordene oder (je nach religiöser Anschauung) wiedergeborene Verkörperung der Harmonie von Mensch und Natur.

Spätestens hier kommen beim Lesen Zweifel an der Zuverlässigkeit der Erzähler auf. Richtig, Unfollow wird nicht aus der Perspektive von Eathboi erzählt, sondern seinen Aposteln, ich meine, seinen ersten Followern. Lukas Jüliger entwickelt in dem mehr als 150 seitigem Comic eine Geschichte mit einem düsteren Unterton, deren Ende zwar etwas abrupt kommt, aber dennoch zum Nachdenken anregt. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Unfollow keine Dialoge hat, sondern nur von den ‚stummen‘ Bildern und der Erzählung getragen wird.

Die Graphic Novel verbindet auf interessante Weise zwei hochaktuelle Themen, zum einen den wachsenden Widerstand gegen die sich abzeichnende ökologische und klimatische Krise, zum anderen die Eigendynamik der Kommunikation im digitalen Zeitalter und die Wirkmacht von Influencern. Was Unfollow endgültig lesenswert macht, sind die Bilder, die in weichen, aber zielsicheren Bleistiftlinien und atmosphärischen Pastelltönen der Geschichte die Bühne bereiten.  Insgesamt eine lesenswerte Graphic Novel in Zeiten von Extinction Rebellion und Fridays for Future.

Unfollow
Lukas Jüliger
2020
Reprodukt