Comic-Kritik: “Die Farbe der Dinge” von Martin Panchaud

© Martin Panchaud

Familienthriller aus der Vogelperspektive

Es gibt Bücher, die einen vor den Kopf stoßen, die einen dazu herausfordern, die Welt auf eine neue und ungewohnte Weise zu sehen. Die Farbe der Dinge zählt eindeutig zu dieser Kategorie. Getreu dem berühmten Satz „The medium is the message“ lenkt der Schweizer Comiczeichner Martin Panchaud unsere Blicke in ungewohnte Bahnen und spielt mit unserer Wahrnehmung. Die gesamte Handlung seines preisgekrönten Comics Die Farbe der Dinge ist aus der Vogelperspektive erzählt, die Figuren wie Icons in Google Maps zu symbolischen Kreisen in einer schematischen Umwelt reduziert.

© Martin Panchaud

Was zunächst wie eine künstlerische Spielerei wirken mag, entpuppt sich im Laufe des mehr als 200-Seiten langen Buches als Vehikel einer packenden und emotional mitreißenden Handlung. Simon, Teenager und Sohn zweier unglücklicher Eltern in einem Haus am Londoner Stadtrand bekommt in einer schicksalshaften Begegnung von einer örtlichen Wahrsagerin den Ausgang des nächsten Pferderennens verraten. In der Hoffnung, seiner Einsamkeit und seinen Mitschülern zu entkommen, die ihn aufgrund seines Übergewichts hänseln, stiehlt Simon die Geldkassette seines Vaters und setzt einen millionenschweren Einsatz. Was folgt, ist ein packendes Familiendrama und ein Roadmovie mit vielen dramatischen Wendungen.

© Martin Panchaud

Ähnlich einer Drohne oder eines staatlichen Überwachungsapparats verfolgen wir als Leser die Handlung aus der Vogelperspektive. Fast klinisch legt Die Farbe der Dinge damit die Kausalitäten frei, in die Simon und seine Mitmenschen verstrickt sind. Die emotionale Kühle, die damit einhergeht, dass alle Charaktere zu farbigen Kreisen reduziert sind, ist erst einmal gewöhnungsbedürftig. Sie passt jedoch zum Tempo und Ton der Handlung und ihrer voneinander entfremdeter Figuren. Panchaud fördert mit dem Schicksal seines Protagonisten gekonnt die ökonomischen Gräben der Britischen Gesellschaft zu Tage und schafft es damit, glaubhaft soziale Kritik in das Familiendrama einzuweben. Die Farbe der Dinge spielt auf ausgeklügelte Weise mit den Möglichkeiten des Comic und ist Leser:innen mit starken Nerven wärmstens empfohlen.

Die Farbe der Dinge
Martin Panchaud
2020
Edition Moderne (CHE)

Comic-Kritik – “Unfollow” von Lukas Jüliger

© Reprodukt

Bei manchen Comics fällt es mir schwer eine Rezension zu schreiben, ohne dass sich bestimmte Erinnerungen in meinem Kopf zu Wort melden. So auch im Fall von Unfollow, der neuen Graphic Novel des deutschen Comiczeichners Lukas Jüliger. Der Sommer 2019, der sich eigentlich schon unendlich weit weg anfühlte, war beim Lesen auf einmal wieder ganz nah. Damals ging die Nachricht von riesigen Waldbränden im Amazonas um die Welt und löste eine globale Protestwelle aus. Ich erinnere mich noch an das Gefühl, in meiner Heimatstadt in der demonstrierenden Menschenmenge zu stehen. Einerseits war ich wütend auf die Ereignisse auf der anderen Seite des Ozeans, andererseits beeindruckt davon, welche Macht Bilder und Nachrichten haben, um in relativ kurzer Zeit einen solchen Protest zu mobilisieren.

Um Ökologie und Medien, darum geht es, grob gesagt, auch in der Graphic Novel Unfollow. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist ein mysteriöser Junge namens Earthboi, der eines Tages wie auf dem Nichts auftaucht und über Nacht zum Internet-Star wird. Aus seinem Versteck in einem Nationalpark postet er täglich Content über das Überleben in der Natur, den Anbau von essbaren Pflanzen, Survivaltipps und Ökologie. Nach und nach wird Earthboi zu dem Symbol des Protests gegen die Umweltzerstörung durch den Menschen, gegen die globale Erderwärmung und das Artensterben. Darin ähnelt er der realen Person Greta Thunberg, deren Proteste 2018 die Fridays For Future Bewegung ins Rollen brachte. Doch während die reale Greta als Kind aufgrund ihrer Wahrnehmung der Welt unter schweren Depressionen litt, erscheint Earthboi nahezu makellos und übermenschlich. Der Junge weiß alles über die Geschichte des Planeten Erde, züchtet im Handumdrehen hitzeresistente Korallenriffe und hat bei alldem auch noch ein feines Gespür für sein Publikum und das Potenzial sozialer Medien. Kurzum: Earthboi erscheint wie eine prophetische Gestalt, eine menschengewordene oder (je nach religiöser Anschauung) wiedergeborene Verkörperung der Harmonie von Mensch und Natur.

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Spätestens hier kommen beim Lesen Zweifel an der Zuverlässigkeit der Erzähler auf. Richtig, Unfollow wird nicht aus der Perspektive von Eathboi erzählt, sondern seinen Aposteln, ich meine, seinen ersten Followern. Lukas Jüliger entwickelt in dem mehr als 150 seitigem Comic eine Geschichte mit einem düsteren Unterton, deren Ende zwar etwas abrupt kommt, aber dennoch zum Nachdenken anregt. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Unfollow keine Dialoge hat, sondern nur von den ‚stummen‘ Bildern und der Erzählung getragen wird.

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Die Graphic Novel verbindet auf interessante Weise zwei hochaktuelle Themen, zum einen den wachsenden Widerstand gegen die sich abzeichnende ökologische und klimatische Krise, zum anderen die Eigendynamik der Kommunikation im digitalen Zeitalter und die Wirkmacht von Influencern. Was Unfollow endgültig lesenswert macht, sind die Bilder, die in weichen, aber zielsicheren Bleistiftlinien und atmosphärischen Pastelltönen der Geschichte die Bühne bereiten.  Insgesamt eine lesenswerte Graphic Novel in Zeiten von Extinction Rebellion und Fridays for Future.

Unfollow
Lukas Jüliger
Reprodukt
2020

Comic-Kritik: “War and Peas” von Jonathan Kunz und Elizabeth Pich

Zugegeben, allzu viele Gründe zum Lachen gab es nicht in den letzten Wochen. Für alle, die frisch aus der Mondkapsel oder Zeitmaschine gestiegen sind: die per Virus übertragbare Lungenkrankheit Covid-19 hat sich zur Pandemie ausgeweitet, tausende Menschenleben gefordert und in Europa und anderswo das öffentliche Leben weitgehend stillgelegt. Solltet ihr euch derzeit im Lockdown befinden und euch nach etwas Abwechslung vom Nachrichten-Karussell sehnen, dann habe ich hier einen Buchtipp: War and Peas von Jonathan Kunz und Elizabeth Pich.

War and Peas, das ist eigentlich ein englischsprachiges Webcomic, das seit 2011 wöchentlich im Netz und auf Instagram erscheint. Hinter dem äußerst erfolgreichen Humor-Strip, der über die Jahre zehntausende LeserInnen für sich gewinnen konnte, steckt ein Deutsches Autorenduo und jede Menge schwarzer Humor. Die kurzen Gag-comics umfassen meist nicht mehr als vier Panels und steuern zielsicher auf die nächste Pointe zu. Der Humor bewegt sich dabei zwischen absurd und morbide, ganz im Sinne des Titels, eine Parodie von Krieg und Frieden, dem Romanklassiker von Tolstoi. In War and Peas sinnieren Büroangestellte über den Selbstmord, werden im letzten Moment doch durch das Versprechen einer Pizza von ihrem Vorhaben abgebracht. Zugleicht lässt die umtriebige „Slutty Witch“ einen Liebhaber zugunsten ihres vibrierenden Besens sitzen. Visuell ist der Comic minimalistisch gehalten, verzichtet zum Beispiel ganz auf die Mimik der Figuren, was den kurzen dialogfokussierten Strips aber keinesfalls schadet.

© Kunz und Pich

War and Peas erinnert auf den ersten Blick stark an den deutschen Comic Nichtlustig von Joscha Sauer, hebt sich jedoch mit ganz eigenem Biss und einer Prise Zeitgeist von diesem ab. Erfrischend ist hierbei besonders das humorvolle Verarbeiten gesellschaftlicher Themen wie Feminismus und Queerness. Das Buch, das im April dieses Jahres beim amerikanischen Verlag Andrews McMeel erscheint, eignet sich als Einstieg in das Webcomic. Es versammelt auf 150 Seiten verschiedenste Strips, die sowohl einzeln als auch in chronologischer Reihenfolge lesen lassen und so eine fortlaufende Geschichte ergeben. Alles in allem vorzüglich kurzweilige Unterhaltung, die mit ihrem morbiden Charme eine willkommene Ablenkung vom Tagesgeschehen darstellt.

War and Peas: Funny Comics for Dirty Lovers
Jonathan Kunz und Elizabeth Pich
2020
Andrews McMeel