Comic-Kritik – Spring Nr. 18 „Freiheit“

(c) Spring

Kürzlich stolperte ich über ein Zitat der Philosophin Hannah Arendt: „People can be free only in relation to one another“. Dieser Satz bringt meine Sicht auf die letzten zwei Jahre auf den Punkt, die Zeit der Pandemie mit all ihren Strapazen und Einschränkungen aber auch der verschärften Folgen des Klimawandels in Europa. Meiner Meinung nach verlangt unsere Gegenwart nach einem radikalen Neudenken von persönlicher Freiheit. Welch passendes Thema also für die neueste Ausgabe der feministischen Comicanthologie Spring, die Ende letzten Jahres erschien.

Mit vielseitigen Beiträgen beleuchten die Künstlerinnen der Anthologie Facetten von Freiheit und folgen dabei ganz unterschiedlichen künstlerischen Pfaden. Mal wird das Thema so abstrakt aufgegriffen wie im Comic The Wall von Doris Freigofas, dessen überraschende Wendung mich verblüfft innehalten ließ. Andere Geschichten wie Eh Nichts Passiert von Stephanie Wunderlich werden so konkret wie die Erinnerungen an einen Sommer, nach dem nichts war, wie zuvor. Klassische Panellayouts sucht man in Spring vergebens – stattdessen nutzen die Künstlerinnen seitenfüllende Bilder und verwischen dabei die Grenzen von Comic und Illustration. Die Anthologie Spring, die 2004 in Hamburg gegründet wurde, zeichnet sich durch eine hohe Experimentierfreudigkeit und eine ansprechende visuelle Kohärenz aus. Klare Leseempfehlung!

Spring Nr. 18 – „Freiheit“
Comicanthologie (GER)
2021

Marisch Verlag (erscheint jährlich)

Comic-Kritik: „Fürchtetal“ von Markus und Christine Färber

Triggerwarnung: dieser Text enthält Erwähnungen von Suizid.

Es gibt wenig Themen, die mich so drastisch an die Grenzen von Sprache stoßen, wie die Trauer. Wie begegne ich einer Person, die ein Familienmitglied, eine Freundin oder einen Angehörigen verloren hat? Trauer wird in unserer Gesellschaft oft verhüllt mit Plattitüden, mit Postkartensprüchen, die vor allem Ausdruck einer gewissen Sprachlosigkeit sind.

Die Geschwister Markus und Christine Färber suchen in ihrem neuen Comic Fürchtetal Worte und Bilder für ihre persönliche Trauer. Im Zentrum der Handlung steht der Tod des gemeinsamen Vaters, der sich 2019 überraschend das Leben nahm. Über einen künstlerischen Dialog begeben sich Bruder und Schwester zurück in die Landschaften ihrer Kindheit, in einen Wald in der Nähe der fränkischen Kleinstadt, in der sie aufwuchsen. Wie ein sich windender Pfad führen die Worte von Christine Färber durch das Buch und bilden eine Kette aus einzelnen Momenten, Gedanken und Erinnerungen. Dem gegenüber stehen die Zeichnungen von Markus Färber, der mit breitem Pinselstrich und dichten Grautönen melancholische und manchmal fantastische Bilder für das Erlebte findet.

© Rotopol

Fürchtetal hat aufgrund seiner Erzählweise etwas Schweifendes und Suchendes. Fast assoziativ widmen sich viele Passagen den Kindheitserinnerungen des Künstlerduos, kehren dann jedoch wieder und wieder zu bestimmten Erlebnissen zurück. Einer dieser Erzählstränge ist das letzte Treffen der Geschwister mit ihrem Vater, als dieser aufgrund seiner psychischen Verfassung stationär in einer Klinik behandelt wurde. Markus Färbers Zeichnungen nutzen in solchen Passagen gezielt das Mittel der Abstraktion: der Vater wird zum Beispiel nur durch eine schematische Darstellung seines Kopfes gezeigt, der unförmig auf dem Bett oder im Raum liegt. Dieses Stilmittel mag zunächst rätselhaft scheinen, eröffnet dem Comic jedoch im weiteren Verlauf vielfältige Bedeutungsebenen. Den Mittelpunkt von Fürchtetal bilden ohne Zweifel die Gefühle der Geschwister, die beide auf ihre Weise mit dem persönlichen Verlust zu kämpfen haben. Allein für diese vielfältigen Darstellungen der Trauer, für die die Mittel des Comics auf kreative Weise genutzt werden, lohnt sich die Lektüre des Buches.

© Rotopol

Fürchtetal
Markus & Christine Färber (GER)
2021
Rotopol

Comic-Kritik: „Blutspuren“ von Rutu Modan

© Rutu Modan

Das Jahr 2021 neigt sich langsam dem Ende entgegen und damit auch eine Zeit voller spannender Comics. Zu meinen Highlights unter den vielen anregenden Neuentdeckungen zählen ohne Zweifel die Bücher der israelischen Comiczeichnerin Rutu Modan. Die vielfach ausgezeichnete Künstlerin war schon länger auf meinem Radar, doch brauchte es die nachdrückliche Empfehlung mehrerer Bekannter, bis ich mich ans Lesen machte. Los ging es ihrem neusten Werk Tunnel, einer Graphic Novel, die gekonnt Elemente einer Abenteuergeschichte im Stil von Tintin mit humorvollen Seitenhieben auf das politische Zeitgeschehen Israels verbindet. Das Figurenensemble rund um die Hauptfigur und Archäologin Nili ist ungemein lebhaft und die Handlung voller überraschender Wendungen.

© Rutu Modan

So sehr mir Tunnel auch zugesagt hat, noch mehr berührt hat mich das Vorgängerwerk von Modan namens Blutspuren, das kürzlich auf Deutsch als Softcover erschienen ist. Blutspuren kommt etwas ‚leiser‘ daher als Tunnel, doch ist es nicht minder bewegend. Im Zentrum des Comics steht Kobi Franko, ein Taxifahrer in Tel-Aviv, der eines Tages von einer jungen Soldatin kontaktiert wird. Diese ist überzeugt, sein Vater sei bei dem kürzlichen Bombenanschlag auf den Busbahnhof einer israelischen Kleinstadt ums Leben gekommen. In der Tat hat Kobi schon länger nichts mehr von seinem Vater gehört – die beiden hatten nach einem Streit den Kontakt zueinander verloren. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass es sich bei der noch unidentifizierten Leiche vom Ort des Anschlags um die seines Vaters handelt? Und in welcher Beziehung steht die junge Frau zu ihm? Rutu Modan entspinnt auf Grundlage dieser Fragen ein feinfühliges Beziehungs- und Familiendrama, das wie nebenbei verschiedene soziale Schichten eines Landes streift, in denen Gewalt durch Krieg und Terror wie konstante Hintergrundgeräusche zu vernehmen sind.

© Rutu Modan

Wie in Tunnel, so erweist sich Rutu Modan auch in Blutspuren als meisterhafte Cartoonistin mit feinem Gespür für Tempo und Dynamik der Handlung. Die im schönsten Sinne reduzierten Zeichnungen, die an den Ligne Claire Stil des berühmten belgischen Zeichners Hergé erinnern, transportieren auf eindrucksvolle Weise Gestik und Mimik der Figuren, was ihnen ein hohes Maß an Persönlichkeit verleiht. Hinzu kommt der atmosphärische Einsatz von Farben sowie einer Vielzahl subtil-poetischer Bildkompositionen. Blutspuren ist eine bewegende Tragikomödie über den Verlust geliebter Menschen, über den Umgang mit inneren und äußeren Verletzungen – eine Vieldeutigkeit, der der englische Titel Exit Wounds vielleicht mehr Raum gibt als der deutsche. Wer wissen will, wie es für Verwundete aller Art um die Möglichkeit der Heilung steht, wird von Blutspuren bis zuletzt in Atem gehalten – aber nicht ohne Hoffnungsschimmer.

Blutspuren
Rutu Modan (IL)
2021

Carlsen


Comic-Kritik: „Die Farbe der Dinge“ von Martin Panchaud

© Martin Panchaud

Familienthriller aus der Vogelperspektive

Es gibt Bücher, die einen vor den Kopf stoßen, die einen dazu herausfordern, die Welt auf eine neue und ungewohnte Weise zu sehen. Die Farbe der Dinge zählt eindeutig zu dieser Kategorie. Getreu dem berühmten Satz „The medium is the message“ lenkt der Schweizer Comiczeichner Martin Panchaud unsere Blicke in ungewohnte Bahnen und spielt mit unserer Wahrnehmung. Die gesamte Handlung seines preisgekrönten Comics Die Farbe der Dinge ist aus der Vogelperspektive erzählt, die Figuren wie Icons in Google Maps zu symbolischen Kreisen in einer schematischen Umwelt reduziert.

© Martin Panchaud

Was zunächst wie eine künstlerische Spielerei wirken mag, entpuppt sich im Laufe des mehr als 200-Seiten langen Buches als Vehikel einer packenden und emotional mitreißenden Handlung. Simon, Teenager und Sohn zweier unglücklicher Eltern in einem Haus am Londoner Stadtrand bekommt in einer schicksalshaften Begegnung von einer örtlichen Wahrsagerin den Ausgang des nächsten Pferderennens verraten. In der Hoffnung, seiner Einsamkeit und seinen Mitschülern zu entkommen, die ihn aufgrund seines Übergewichts hänseln, stiehlt Simon die Geldkassette seines Vaters und setzt einen millionenschweren Einsatz. Was folgt, ist ein packendes Familiendrama und ein Roadmovie mit vielen dramatischen Wendungen.

© Martin Panchaud

Ähnlich einer Drohne oder eines staatlichen Überwachungsapparats verfolgen wir als Leser die Handlung aus der Vogelperspektive. Fast klinisch legt Die Farbe der Dinge damit die Kausalitäten frei, in die Simon und seine Mitmenschen verstrickt sind. Die emotionale Kühle, die damit einhergeht, dass alle Charaktere zu farbigen Kreisen reduziert sind, ist erst einmal gewöhnungsbedürftig. Sie passt jedoch zum Tempo und Ton der Handlung und ihrer voneinander entfremdeter Figuren. Panchaud fördert mit dem Schicksal seines Protagonisten gekonnt die ökonomischen Gräben der Britischen Gesellschaft zu Tage und schafft es damit, glaubhaft soziale Kritik in das Familiendrama einzuweben. Die Farbe der Dinge spielt auf ausgeklügelte Weise mit den Möglichkeiten des Comic und ist Leser:innen mit starken Nerven wärmstens empfohlen.

Die Farbe der Dinge
Martin Panchaud
2020
Edition Moderne (CHE)

Comic-Kritik: „In Waves“ von AJ Dungo

© AJ Dungo

Ein Ort für gebrochene Herzen

Vorneweg eine Entwarnung: man muss nichts vom Surfen verstehen, um von der Graphic Novel In Waves mitgerissen zu werden. Das Buchdebüt des kalifornischen Zeichners AJ Dungo vermittelt auch so mit fließenden Linien ein Gefühl für das Meer, für seine Wellen und Unwägbarkeiten. In Waves handelt von der Beziehung des Zeichners mit seiner an Krebs verstorbenen Jugendliebe Kristen, einer Liebe, die eng mit der Leidenschaft für das Wellenreiten verbunden war. In berührenden Rückblenden erzählt die Graphic Novel von der gemeinsamen Zeit, von Kristens Krankheit aber auch von ihrem unbändigen Lebenshunger.

© AJ Dungo

Dungo montiert in seinem Buch zwei parallele Handlungsstränge: der in melancholischen Blautönen erzählten Liebesgeschichte stellt er eine in Sepiatönen gehaltene kurze Chronik des Surfens gegenüber und umreißt die Geschichte zweier Pioniere des Sports. Diese zweiteilige Struktur bremst leider bisweilen den Lesefluss und nicht immer sind die Verbindungen zwischen den verschiedenen Kapiteln ersichtlich.

© AJ Dungo

Am meisten überzeugt In Waves mit seinen Darstellungen des Surfens selbst. Der Illustrator Dungo findet eine eindrucksvolle Bildsprache für diese Szenen, einen eleganten Minimalismus, der an die graphische Reduktion der Comics von Adrian Tomine und die präzisen Linien des Zeichners Charles Burns erinnert. In Waves spielt dabei mit den Möglichkeiten des Comics, ohne die Bilder mit überflüssigen Wörtern zu überfrachten. Das Meer, diese sich stets verändernde Landschaft, die für Surfer zugleich Verheißung und Bedrohung verkörpert, wird so zu einem Spiegel der Emotionen der Figuren. Und zu einem Ort für gebrochene Herzen.

In Waves
AJ Dungo
2019
Nobrow (UK/US)